"Aneignung und Abwehr des Heidnischen in der volkssprachigen deutschen Literatur des Mittelalters"

 

Betreuerin: Prof. Dr. Beate Kellner (Dresden)
Bearbeiterin: Dr. Julia Zimmermann (Dresden)

 

Das Projekt „ Aneignung und Abwehr des Heidnischen in der volkssprachlichen deutschen Literatur des Mittelalters“ wird sich auch in der Fortsetzungsphase den Fragen nach der Integration und Desintegration von Kulturen im mittelalterlichen Europa aus literaturwissenschaftlicher Perspektive zuwenden. Zugrunde liegt dabei die Annahme, dass die Literatur geradezu prädestiniert dafür ist, verschiedenste Konstellationen der Begegnung von Kulturen, von Eigenem und Fremdem durchzuspielen, weil sie stärker als andere Redeordnungen (etwa die Historiographie oder das Recht) von einer unmittelbaren Wirklichkeitsreferenz entlastet ist. Auf der Ebene literarischer Sinnsysteme können utopische Potentiale ebenso ausgelotet werden wie Szenarien des Konflikts auf die Spitze getrieben. In der Projektarbeit sollen jene Spielräume und Möglichkeiten der Darstellung fremder Kulturen in der Literatur untersucht werden, wobei die Frage leitend ist, wie die Wahrnehmungs- und Deutungsmuster der eigenen Kultur die literarischen Inszenierungen des Fremden bestimmen.

Die konkrete Projektarbeit konzentriert sich dabei auf die in der deutschsprachigen Literatur des Hoch- und Spätmittelalters prominenten Prozesse der Integration und Desintegration zwischen dem Christlichen und dem Heidnischen. In der mittelhochdeutschen Literatur werden nicht nur eine Fülle von Begegnungen zwischen der westlichen und der östlichen Kultur thematisiert, sondern es zeigen sich über Verschränkungen zwischen Eigenem und Fremdem vielfach auch komplexe Interferenzen des Heidnischen, Christlichen, Höfischen und Unhöfischen, Religiösen und Profanen und immer wieder auch des Mythischen.

Im Fokus der Projektarbeiten steht daher gerade nicht die dem Mittelalter häufig unterstellte Unversöhnlichkeit von Weltbildern und Religionen, sondern stehen jene literarischen Entwürfe, in denen das Widersprüchliche und prima vista Unvereinbare in komplexen poetischen Verfahren durch die Überblendung verschiedener Semantiken und Strukturen zusammengeführt werden. Indem das Projekt den Kulturbegriff damit auf – das mittelalterliche Europa bestimmende – Religionen respektive religiöse Haltungen bezieht, verspricht es zugleich, unter historischen und systematischen Aspekten Aufschlüsse über Konstellationen zu gewinnen, die bis heute für und in Europa prägend sind. Im Fokus der Projektarbeiten wird auch in der geplanten zweiten Phase das Ensemble von Texten stehen, das sich mit den Stichworten ‚Wolfram und Wolfram-Tradition? umreißen lässt.

Wenn sich das Projekt auf die literarischen Formen der Wahrnehmung und Deutung des Heidnischen konzentriert, auf Prozesse der Integration und Desintegration zwischen dem Christlichen und dem Heidnischen in der Literatur des Hoch- und Spätmittelalters, so hebt es sich mit den beschriebenen Problemstellungen von einer Stoff-, Quellen- und Motivgeschichte ab: Es geht mithin nicht darum, etwa Materialien zum ‚Bild des Heiden? in der Literatur zusammenzustellen oder den Versuch zu unternehmen, die literarischen Darstellungen durch quellen- und stoffgeschichtliche Analysen zu erklären. Mit dem skizzierten Ansatz führt das Forschungsvorhaben vielmehr folgende Zielstellungen, Leitfragen und Erkenntnisinteressen zusammen: In historischer und wissensgeschichtlicher Hinsicht verspricht es, durch die Analyse von Darstellungen des Heidnischen, von Begegnungen zwischen Heiden und Christen, von Überlagerungen und Interferenzen des Heidnischen und Christlichen in der Literatur Aufschlüsse über kulturelle Muster der Wahrnehmung und Deutung des Fremden im hohen und späten Mittelalter zu gewinnen. Dies gilt umso mehr, als auch theologische oder historiographische Diskurse vergleichend herangezogen werden. In literaturwissenschaftlicher Perspektive wird über die Analyse der literarischen Verfahren zur Darstellung des Fremden zugleich auch die spezifische Literarizität der untersuchten Texte erhellt. Hier ist nach der jeweiligen ästhetischen Gestalt der Inszenierungen des Fremden, Heidnischen und Mythischen zu fragen, u.a. nach der Rhetorik, den Gattungs- und Erzählmustern sowie den Erzählperspektiven und Erzählverfahren.

 

 

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Letzte Änderung am 5. November 2008