"Karten als Brücken für Welt-Wissen: Westeuropäische und muslimische Kartographie des Mittelalters im interkulturellen Austausch"

 

Betreuer: Prof. Dr. Ingrid Baumgärtner (Kassel) / Prof. Dr. Andreas Kaplony (Zürich)
Bearbeiter: Stefan Schröder (Kassel)

 

Das im Rahmen des DFG-Schwerpunktprogramms „Integration und Desintegration der Kulturen im europäischen Mittelalter“ geförderte Projekt untersucht den Wissensaustausch zwischen der christlichen und islamischen Welt des Mittelmeerraumes anhand kartographischer Vorstellungen. Die Quellengrundlage bilden ausgewählte Welt-, Portulan- und Regionalkarten vom ausgehenden 11. bis zum 15. Jahrhundert, die vor dem Hintergrund geographischer, enzyklopädischer, astrologischer und historiographischer Texte interpretiert werden. Der Schwerpunkt der Analyse liegt auf den für die kartographische Erfassung der Welt wichtigen Kontaktzonen zwischen dem christlichen Europa und der muslimischen Welt, auf der Iberischen Halbinsel und Mallorca (z.B. Beatus von Liébana, Petrus Alfonsi, Katalanischer Weltatlas von 1375), auf Sizilien (al-Idrisi) und den norditalienischen Hafenstädten Genua und Venedig (u.a. Portulankarten, Weltkarte von Fra Mauro) sowie im Heiligen Land (bes. Regionalkarten). Die Fragestellung richtet sich zum einen auf die Rezeption islamischen Wissens in der europäischen Kartographie, zum anderen auf die Rezeption europäischen Wissens in der islamischen Kartographie (z.B. ‚Book of Curiosities').

Mit der Leitfrage nach den Wechselwirkungen im Bereich von Geographie, Astronomie und Weltbild sowie deren Bedeutung für die Integration und Desintegration Europas im hohen und späten Mittelalter wird an die interdisziplinäre kulturwissenschaftliche Forschung angeknüpft, die den Einfluss der arabischsprachigen Wissenschaften auf das lateinisch-christliche Europa in Astronomie, Philosophie und Medizin nachgewiesen hat. Auch in der sehr stark international ausgerichteten Kartographieforschung wird davon ausgegangen, dass das aus der islamischen Geographie in den Westen gelangte Wissen zu zahlreichen Innovationen und Veränderungen in der Produktion und Gestaltung mittelalterlicher Karten geführt hat. So deutet die Südung von Karten wie der Mappa mundi des Fra Mauro oder der legendenlosen Weltkarte im ‚ Livres dou Trésor' des Brunetto Latini auf die Nutzung arabischer Vorlagen hin. Die in einigen Karten verwendeten arabischen Toponyme können ebenfalls Indizien für eine Übernahme islamischen Wissens sein. Als Paradebeispiel für die Rezeption arabischen Wissens gilt die gesüdete Klimatenkarte des Petrus Alfonsi. Sowohl die Ausrichtung nach Süden als auch die Darstellung der Stadt Aren , die der arabischen Kartographie zufolge auf dem Zentralmeridian liegen soll, gelten als Merkmale eines Kulturtransfers aus dem islamischen in den christlichen Kulturkreis. Von großer Bedeutung ist auch der in Sizilien wirkende Geograph al-Idrisi, dessen Werke zumindest indirekt die Karten Marino Sanudos im Liber Secretorum Fidelium Crucis beeinflusst haben.

m Projekt wird erforscht, wie umfassend die islamische auf die europäische und umgekehrt die europäische auf die islamische Kartographie wirkte. Untersucht werden jeweils die Inhalte , Wege und Strukturen des Informationsaustausches zwischen den verschiedenen Zentren islamischer Kultur und den europäisch-christlichen Knotenpunkten. Die Karten werden auf Basis der mit den Schlagworten „spatial-turn“ und „cartographical-turn“ verbundenen aktuellen Raum- und Kartographieforschung betrachtet, die den Zeichenstatus vormoderner Karten betont. Karten sind als Medien zur Vermittlung bestimmter Raum- und Herrschaftsvorstellungen zu begreifen. Sie bilden geographische, politische und kulturelle Räume nicht einfach nur ab, sondern erschaffen sie erst. Untersucht werden daher nicht nur Küstenlinien, Koordinaten und eingezeichnete Orte, sondern das gesamte Bildprogramm, die Intentionen der Kartographen sowie die Kriterien für die Produktion und Verbreitung der Karten im historischen und interkulturellen Kontext. Es wird danach gefragt, ob und wie sich durch die Vermittlung des geographischen und kartographischen Wissens von einer Kultur zur anderen die Selbstdeutung wandelte, sei es dass islamische Erkenntnisse wirkmächtig in das christliche Weltbild inkludiert wurden oder europäische kartographische Traditionen in den arabischen Kulturkreis eingingen. Im Projekt wird analysiert, welchen Stellenwert und welche Funktion das aus dem islamischen Kulturbereich übernommene Wissen in den geographischen und kartographischen Werken europäischer Gelehrter und Kartographen einnimmt und umgekehrt. Die Betrachtung regionaler Fallbeispiele beinhaltet eine europäisch-mediterrane Dimension, ohne jedoch von einer Einheitskultur sowohl der islamischen als auch der christlichen Welt auszugehen.

 

zurück

Letzte Änderung am 5. November 2008