",Grikkland’ und ,Varangia’.
Die byzantinisch-skandinavischen Kulturkontakte im Hochmittelalter"

 

Leiter: Prof. Dr. Wolfram Brandes (Frankfurt am Main)
Bearbeiter: Roland Scheel

Die Integration der nordischen Länder Dänemark, Island, Norwegen und Schweden sowie der nordatlantischen Inseln in die römische Kirchenorganisation und die lateinische Wissenskultur hat in der Forschungsgeschichte bisher weitgehend den Blick auf die Bedeutung kultureller Kontakte dieser Länder mit dem Byzantinischen Reich verstellt. Während sich diese Kontakte durch militärische Konflikte, Handel und die Warägergarde für die Wikingerzeit noch einer gewissen Aufmerksamkeit in der Forschung erfreuen, liegen die hochmittelalterlichen Kontakte – die gerade durch Pilgerfahrten und Kreuzzüge sowie den kulturellen Horizont der Skandinavier einen ganz anderen Charakter und eine neue Wirkung besaßen – bisher in einem toten Winkel. Im Rahmen des Projektes sollen diese Beziehungen zwischen dem skandinavischen Raum und dem Byzantinischen Reich während des nordischen Hochmittelalters untersucht werden, um so der Frage nach dem Einfluss der byzantinischen Kultur auf die kulturelle Entwicklung der skandinavischen Länder nachzugehen.

Der Untersuchungsraum beginnt mit dem Einsetzen der Kreuzzüge und der kurz darauf erkennbaren Etablierung einheimischer Schriftkulturen in Skandinavien im ersten Viertel des 12. Jahrhunderts; er erstreckt sich geographisch auf die „Norðrlönd“, also die Königreiche Dänemark, Norwegen und Schweden sowie Island, die Färöer, Shetlands, Orkneys und die Suðreyjar (Hebriden und Isle of Man), im Gegensatz zum heutigen Skandinavien aber nicht auf Finnland. In der fraglichen Zeit wandelt sich die Wahrnehmung der Bewohner jener Region durch die Byzantiner: Sie erscheinen nun nicht mehr als Barbarenstämme, sondern spätestens seit dem Kreuzzug des dänischen Königs Erik Ejegod 1103/04, dem alsbald weitere skandinavische Herrscher folgen sollten, als Angehörige abendländisch-christlicher Herrschaftsverbände. Gleichzeitig bewirkten die Verdichtung der Herrschaft, die feste Einbindung in die Strukturen der römischen Kirche und ihre gelehrten Netzwerke, die Adaption lateinischer Historiographie und ihres Geschichtshorizonts sowie nicht zuletzt die Erfahrungen der Kreuzzüge einen fundamentalen Bewusstseinswandel bei den Skandinaviern als noch in der Wikingerzeit. Zudem verändert sich im Hochmittelalter auch der Weg nach und von Byzanz: Statt wie zuvor auf dem Landweg durch die rus'ischen Fürstentümer, reisen die Skandinavier nun zunehmend über die Westroute, während der Ostweg bis 1100 versickert, da sich mit Kiev und Novgorod bedeutsame Orte für den Zwischenhandel auf jener Route etablieren und zudem kriegerische Aktivitäten u.a. der Petschenegen zu Beeinträchtigungen führen. Einen weiteren Einschnitt für die Beziehung zu Byzanz bringt schließlich dessen Eroberung im Jahre 1204 mit sich. Allerdings ist hiermit weder das Ende bedeutsamer Kontakte zwischen Skandinaviern und Byzantinern noch das Ende jenes nordischen Hochmittelalters erreicht, das für die Formierung Skandinaviens als eines besonderen Teils Europas eine so bedeutsame Epoche darstellt. Ihr Ende macht sich an strukturellen Veränderungen in Skandinavien nach der Wende zum 14. Jahrhundert fest, die eine Verlagerung des kulturellen und politischen Gravitationszentrums vom nordatlantischen Raum in den Ostseeraum bedingen. Gleichzeitig schwinden auch Hinweise auf Skandinavier in Byzanz.

Methodisch lassen sich Kulturkontakte zwischen geographisch zueinander fern liegenden Kulturräumen und vor allem ihre Konsequenzen mit dem Modell des Kulturtransfers gut beschreiben und analysieren; gleichwohl verlangt die Applikation auf mittelalterliche Verhältnisse Anpassungen im Detail sowie einen reflektierten Umgang mit einem Konzept, das an neuzeitlichen Forschungsgegenständen entwickelt und geschärft wurde. Es wird besonders dadurch attraktiv, dass in der Kulturbeziehung zwischen Byzanz und Skandinavien eine deutliche Asymmetrie herrscht. Sie lässt sich durch die Analyse von Prozessen des Transfers verschiedener Wissensinhalte, Ideen und ästhetischer Formen nachvollziehen: Das Rezeptionspotential auf skandinavischer Seite erweist sich deutlich höher als umgekehrt. Hieraus resultiert, dass Byzantinisches in ganz Skandinavien in verschiedenen Kulturbereichen eine prominente Rolle spielt, die es herauszuarbeiten und zu analysieren gilt. Da kulturelle Transferprozesse wiederum auf Träger angewiesen sind, müssen zugleich Realbegegnungen nachgewiesen und eine sekundäre Vermittlung von Byzantinischem über Lateineuropa oder die Rus' von Fall zu Fall ausgeschlossen werden.

Aus diesen Anforderungen resultiert ein breites Quellencorpus: Einerseits umfasst es Berichte über Realbegegnungen, andererseits Zeugnisse der Wahrnehmung, Aneignung und Verarbeitung des Fremden im jeweils eigenen kulturellen Horizont. Auf der byzantinischen Seite sind verstreute Hinweise auf Skandinavier und die Verortung Skandinaviens im Weltbild in Historiographie, Traktaten, Panegyrik, Reden, Briefen, Urkunden bzw. Akten zu finden. Die skandinavische Überlieferung schließt lateinische und norröne Hagiographie bzw. Geschichtsschreibung, gerade über die Kreuzzüge, Itinerare, Rechtstexte, aber auch Berichte über die eigene Vorgeschichte, Mythologierezeption und fiktionale Literatur mit ein, welche prinzipiell als Projektionsfläche hochmittelalterlicher Ereignisse und Diskurse verstanden werden können; alle Geschichte steht im Bann exegetischer Hermeneutik. Die für die Wikingerzeit bedeutsamen Runensteine ebenso wie die Skaldendichtung sind für das Hochmittelalter als Quellen der Historiographie selbst von Bedeutung. Ein weiteres wichtiges Corpus bilden byzantinische Kunstgegenstände, Rezeptionszeugnisse byzantinischer Kunst und archäologische Funde in Skandinavien. Erst auf der Basis einer Analyse all dieser zur Verfügung stehenden Quellen lässt sich überhaupt ein Gesamtbild der byzantinisch-skandinavischen Kontakte gewinnen.

Das wesentliche Feld der Analyse bildet demnach neben den Realbegegnungen die Wahrnehmung des Fremden und seine Anverwandlung, seine kognitiven Bedingungen auf beiden Seiten und – rezeptionsästhetisch betrachtet – seine Wirkung auf den jeweiligen kulturellen Horizont. Hier setzt ein mehrschichtiges komparatives Verfahren an, welches zwei zwar geographisch ferne, aber einander dennoch nahe stehende christliche Kulturkreise auf der Basis verschiedener Quellentypen in Beziehung zueinander setzt und die kulturellen Konsequenzen dieser Beziehung analysiert, dabei aber auch die skandinavischen Regionen untereinander sowie in ihrem Verhältnis zu Westeuropa vergleichen muss. Hinzu tritt angesichts der Dynamik des Hochmittelalters ein diachroner Vergleich jener Verhältnisse, um deren Entwicklung nachzeichnen zu können.

 

 

 

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Letzte Änderung am 18. Mai 2009