"Eingemeindungen des Sakralen. Heiligkeit und Stadtkultur in der deutschen Literatur des Spätmittelalters"

 

Betreuer: Prof. Dr. Jan-Dirk Müller (München) / Prof. Dr. Peter Strohschneider (München)
Bearbeiter: PD Dr. Uta Goerlitz [bis Okt 2009] / Stephanie Seidl, M. A. [bis Sept 2009] / Verena Linseis, M. A. [ab Okt 2009] / Thomas Poser, M. A. [ab Apr 2010]

Die Weiterführung des Projekts ‚Helden und Heilige’ im Anschlussprojekt ‚Eingemeindung des Sakralen’ baut auf den bisher gewonnenen Ergebnissen auf, um sie unter neuen thematischen und zeitlich-historischen Schwerpunktsetzungen zugleich zu reflektieren wie weiterzuführen. Der Interpretationsskopus liegt dabei weiterhin auf Inklusions- und Exklusionsmomenten von Heiligem und Profanem sowie auf daraus resultierenden Integrations- und Desintegrationsprozessen von Laikal- und Klerikalkultur. Indem nun jedoch ‚Eingemeindungen’ des Sakralen in die städtische(n) Kultur(en) des späten Mittelalters in den Blick gerückt werden, verlagert sich der Schwerpunkt unter identischer systematischer Perspektive von Fragestellungen nach der Relation von Heiligkeit und Heroentum auf eine neue historisch-soziokulturelle Ebene: Analyseobjekt ist nicht länger die vornehmlich ‚hochmittelalterliche Literatur am Hof’, sondern die ‚spätmittelalterliche Literatur in der Stadt’.

Die Komplexisierung der Lebensformen in den spätmittelalterlichen Städten geht einher mit vielfältigen Integrations- und Desintegrationsvorgängen, die aus dem Neben-, Mit- und Gegeneinander unterschiedlicher Gruppierungen innerhalb der Bürgerschaft wie aber auch innerhalb der weiteren Stadtbewohnerschaft resultieren (Herausbildung des Patriziats, Beisassen, Geistliche, Juden, Gäste, die kein Bürgerrecht besaßen usw.). Mit dieser dynamischen (Neu-)Formierung gehen integrative Prozesse einher, die zugleich die Abgrenzung vom jeweils ‚Anderen’ implizieren – sei es vom politischen oder wirtschaftlichen Gegner, sei es von der ‚anderen’ Religion des Judentums, von der einerseits eine Abgrenzung erfolgt, gegenüber der es aber andererseits auch zu Austauschprozessen kommt.

Gerade solche Homogenisierungsprozesse innerhalb der städtischen Kultur bieten dabei vielfältige Anschlussmöglichkeiten für die leitende Frage des SPP nach kulturellen Integration- und Desintegrationsprozessen im europäischen Mittelalter. Das titelgebende Stichwort des Projektes, ‚Eingemeindungen’, zielt dabei auf einen systematischen Zusammenhang, der sich in seinen grundsätzlichen Zügen kurz wie folgt umreißen lässt: Durch die paradoxale Inklusion des Heiligen (als vom Profanen Exkludiertes) in die zeitgenössische Stadtkultur schließt sich die christliche Stadtbevölkerung zu einer „Sakralgemeinde“ (Wilfried Ehbrecht) zusammen, die sich – z.B. in kultischen Verehrungspraktiken – dieses Heilige zu eigen macht, es ‚eingemeindet’. Auf soziokultureller Ebene wirken sich solche ‚Eingemeindungen’ des Heiligen in die städtische Sakralgemeinde integrativ wie desintegrativ zugleich aus: Stadtintern grenzen sie etwa die jüdische Bevölkerung sozial wie räumlich von den christlichen Bevölkerungsschichten ab, die sich, trotz aller interner Heterogenität, zu einer ‚Gemeinschaft der Rechtgläubigen’ vereinen; zugleich können sie aber auch, z. B. im Fall von Zunft-Patronen, zur Binnendifferenzierung gerade auch innerhalb der christlichen Stadtbevölkerung führen. Die ‚Eingemeindung’ des Heiligen in die Stadt vermag diese aber auch nach außen abzuschließen und dabei jenseits aller interner kulturellen Differenzierungen als Ganzes zu fassen, beispielsweise wenn das Bildnis des Stadtheiligen die Stadtmauern bei Belagerung vor feindlichen Zugriffen des politischen Gegners schützt.

Solche Einschluss- und Abgrenzungsprozesse werden in den literarisch-symbolischen Imaginationen der Städte weiterverarbeitet, die textsortenspezifisch je eigene Muster ausbilden, um soziale Integrations- und Desintegrationsphänomene narrativ zu entfalten. Das Projekt will aus einem breiten Textcorpus, das Heiliges und Heiligkeit in der Stadt repräsentiert und reflektiert (städtische Chronistik, Teile der Chanson de Geste-Adaptationen, Exempelliteratur, Priameln, Legenden, Religiöse Spiele, Beginenliteratur) jene Textsorten auswählen, aus deren Analyse signifikante Befunde für das Verhältnis von Transzendentem und Profanem sowie von Laikal- und Klerikalkultur im Hinblick auf die Inklusion von Heiligkeit und die damit verbundene Desintegration des Anderen (beispielsweise des Judentums, des politischen Gegners) zu erwarten sind. Im Analysemittelpunkt sollen dabei jene Texte stehen, die von heiligen Figuren oder der Inszenierung des Heiligen in städtischem Umfeld handeln und dieses – etwa chronikalisch oder auch theatralisch – in die jeweilige Stadt, ihre Geschichte, ihre Kultur, ihre Struktur, ‚eingemeinden’.

 

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Letzte Änderung am 28. September 2010