"Gesprächsräume. Netzwerke christlich-jüdischer Kommunikation seit dem Hohen Mittelalter"

 

Betreuer: Prof. Dr. Michael Borgolte (Berlin)
Bearbeiter: Marcel Müllerburg

Das Religionsgespräch zwischen den Anhängern verschiedener Religionen setzt die Anerkennung der Verschiedenheit des Gesprächspartners voraus. Anders als der heutige interreligiöse Dialog, der der Pluralität verpflichtet ist, zielte das Religionsgespräch des Mittelalters - in den meisten Fällen - allerdings zugleich auf die Aufhebung dieser Verschiedenheit durch die Bekehrung. Diese Spannung zwischen Akzeptanz und Ablehnung des Andersgläubigen bestimmt den Charakter mittelalterlicher Glaubensdisputationen, unter denen die Auseinandersetzungen zwischen Christen und Vertretern der unter ihnen lebenden jüdischen Minderheit am häufigsten sind.

Das moderne Interesse an diesen christlich-jüdischen Religionsdialogen wandte sich meist einzelnen Autoren und ihren Texten zu und betrachtete sie unter geistes- oder ideengeschichtlichem Vorzeichen. Dabei wurden die Religionsdisputationen häufig mit dem Entstehen scholastischer Gelehrsamkeit oder der Genese einer "persecuting society" in Verbindung gebracht. In Abgrenzung von diesen teleologischen Ansätzen will das Dissertationsprojekt die christlich-jüdischen Glaubensgespräche von einem kommunikationshistorischen Standpunkt aus betrachten, um der Gleichzeitigkeit eines regional höchst unterschiedlichen Umgangs der Christen mit ihren jüdischen Mitmenschen Rechnung zu tragen, statt die Religionsgespräche in die große Erzählung einer gesamt­europäischen Entwicklung einzuordnen. Diese Betrachtungsweise ermöglicht die Analyse der historischen Bedingungen, unter denen es überhaupt zu interreligiösen Gesprächen kommen konnte, und erlaubt eine Überprüfung der These, nach der der Monotheismus seine Anhänger zur Auseinandersetzung mit Andersgläubigen nötige.

Die Untersuchung ist dabei auf drei Ebenen angesiedelt. Auf einer ersten, quantitativen Ebene sollen die christlich-jüdischen Religionsdispute als Ereignisse ihrer zeitlichen und räumlichen Verbreitung nach möglichst vollständig erfasst werden. Dabei ist nicht nur die Darstellung von Gesprächen in eigenständigen Texten zu berücksichtigen, sondern ebenso ihre Erwähnung in chronikalischen oder biographisch-hagiographischen Quellen.

Auf der Grundlage dieser quantitativen Analyse müssen auf der zweiten, qualitativ-inhaltlichen Ebene ausgewählte lateinische Religionsdialoge in Fallstudien analysiert werden. Denn die rein quantitative Erfassung von Gesprächsbegegnungen liefert noch keinen Aufschluss darüber, ob es sich um eine echte Auseinandersetzung mit dem Andersgläubigen oder lediglich um in Dialogform vorgetragene Polemiken handelt. Dabei ist nach dem Verhältnis zwischen der realen Gesprächssituation und ihrer literarischen Inszenierung im Dialog zu fragen, denn keiner der überlieferten Dialoge kann als Protokoll des gesprochenen Wortes gelten.

Auf der dritten Ebene schließlich wird die Textverbreitung der für die Fallstudien ausgewählten Texte analysiert. Im Laufe ihrer Überlieferungsgeschichte wurden die Dialoge in stets neue Kontexte eingebettet und dabei neuen Bedürfnissen angepasst. Vollzieht man diese Geschichte nach, gewinnt man Aufschluss darüber, in welchem Geist man sich wo für die Texte interessierte und erhält Hinweise auf die Rezeption des Textes in unterschiedlichen historischen und regionalen Kontexten.

Die Analyse der Verteilung auf quantitativ-statistischer, die Lektüre von Fallbeispielen auf qualitativ-inhaltlicher Ebene sowie die Betrachtung der Ebene der Textverbreitung lassen es zu, Verbindungslinien und Knotenpunkte in den kommunikativen Netzwerken christlich-jüdischer Disputationen auszumachen, die sich mit anderen, beispielsweise ökonomischen Netzwerken vergleichen und so kontextualisieren lassen. Es entsteht ein Bild von "Gesprächsräumen", Regionen und Zeiten, in denen das Gespräch eine reelle Option zur Austragung des interreligiösen Konfliktes war, und es lassen sich Vermutungen über die Möglichkeitsbedingungen friedlicher Konfliktbewältigung im Medium des Gespräches anstellen.

 

 

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Letzte Änderung am 30. September 2008