"Verbindungen und Ausgrenzungen zwischen Christen und Juden zur Zeit der Reformkonzilien des 15. Jahrhunderts"

 

Projektleiter: Prof. Dr. Alfred Haverkamp
Projektmitarbeiter: Dr. Christian Jörg

 

Für die erste Hälfte des 15. Jahrhunderts soll im Rahmen des seit dem 01. Juli 2007 in Trier laufenden Projektes in europäischer Perspektive nach den Folgen der zahlreichen und auf teilweise komplexe Weise miteinander verwobenen Reformbemühungen in Kirche und Reich für das Zusammenleben von Christen und Juden gefragt werden. Auch über das Reich hinaus, für welches neuere Studien die von weiten Teilen der älteren Forschung vorgegebene strikte Unterscheidung zwischen einer Kirchenreform auf der einen und einer Reichsreform auf der anderen Seite deutlich in Frage gestellt haben, kam den Inhalten der mit großer Bandbreite geführten Diskussion um Glaubens- und Reformfragen höchste Relevanz zu. In diesem Zusammenhang bietet das Projekt neben dem engeren Rahmen der Untersuchung kultureller Kontakte in einer solchen Zeit zusätzlich die Chance, zur Forschungsdiskussion um die Relevanz und Umsetzbarkeit der Inhalte jener Reformprogramme während des späten Mittelalters anhand der Analyse derartiger Beziehungsebenen beizutragen. Gleichsam als Zentren und Foren der zeitgenössischen Diskussionen um die Reform von Kirche und Reich lassen sich die großen Reformkonzilien in Konstanz (1414-1418) und Basel (1431-1449) ausmachen. Für die Untersuchung der überaus vielschichtigen Beziehungsebenen, Kontakte und Konflikte zwischen Christen und Juden sind hierbei jedoch auch ältere Vorgänge zu berücksichtigen. Die diesbezüglichen Rahmenbedingungen innerhalb der im Zentrum der Betrachtung stehenden Regionen des nordalpinen Reichsgebiets wurden insbesondere durch das „Weiterwirken“ des 14. Jahrhunderts wesentlich geprägt, wobei an dieser Stelle lediglich auf die verheerenden Folgen der Pogrome im zeitlichen Umfeld des Schwarzen Todes und auf die sogenannten Judenschuldentilgungen unter König Wenzel hingewiesen werden soll.

Gerade die Pestverfolgungen stellen hierbei einen tiefen Einschnitt dar, doch kam es in der Folge zu einer Reorganisation jüdischer Gemeinden und der regionalen Organisationsnetze. Dies ging mit einer merklichen Kommunikationsverdichtung der west- und mitteleuropäischen Juden einher. Entsprechende Belege finden sich etwa während des 15. Jahrhunderts für die vergleichsweise dichten Beziehungsnetze zwischen den Juden Oberdeutschlands und Oberitaliens. Für das Projekt erscheint auch deshalb eine vergleichende westeuropäische Perspektive als unabdingbar. Aufgrund der vorangegangenen Vertreibungen in Königreichen wie England und Frankreich entfällt dort naturgemäß eine entsprechende Vergleichsbasis für den engeren Untersuchungszeitraum. Das Projekt kann sich jedoch auf die teilweise bereits günstigere Forschungssituation zu Italien oder insbesondere auf jene zu den christlichen Königreichen der Iberischen Halbinsel stützen. Eine solche vergleichende Betrachtung empfiehlt sich nicht zuletzt auch angesichts der vielfach festzustellenden – teilweise freilich zeitlich versetzten – Parallelen in den Entwicklungsverläufen innerhalb der dortigen Herrschaftsgebiete, welche durch neuere Forschungen verstärkt angedeutet werden.

Seit der Wende zum 15. Jahrhundert sind innerhalb des Reiches erneut verstärkte Exklusionsvorgänge zu konstatieren, die insbesondere in den dreißiger Jahren zu Ausweisungen aus Städten und Territorien führten. Umgekehrt sind zeitlich parallel zu diesen Entwicklungen wiederum von königlicher Seite auch Versuche zur Intensivierung der Verbindungen zu den jüdischen Gemeinden des Reiches nachweisbar, die sowohl mit fiskalischen Interessen als auch mit dem generellen Anspruch auf die Durchsetzung königlicher Herrschaftsansprüche in Zusammenhang zu bringen sind. So finden sich im Reichsgebiet für jene Zeit auch weiterhin funktionierende jüdische Gemeinden sowie regionale und überregionale Organisationsformen jüdischen Lebens. Nicht zuletzt aufgrund der beschriebenen Konstellationen besitzen allerdings auch die Quellen jüdischer Provenienz die Tendenz, eher das Reagieren auf die sich verschlechternden Bedingungen und drohenden Verfolgungen, als das Agieren in den Beziehungen und Konflikten von jüdischer Seite zu schildern. Daher ist es ein Ziel des beantragten Projektes, sowohl aus christlicher wie auch aus jüdischer Perspektive Aktionsfelder und Handlungsspielräume zu erfassen. Christen und Juden bildeten in diesem Zusammenhang auch während der mittelalterlichen Jahrhunderte keineswegs monolithische Blöcke, die sich jeweils abgeschlossen gegenüberstanden. Vielmehr existierten in durchaus vielfältiger Form Ebenen der Kontakte, des Austauschs und auch des Konflikts.

Die inhaltliche Vielfalt der Formen von „Verbindungen“ und „Ausgrenzungen“ zwischen Christen und Juden, die in einer solchen Hochphase unterschiedlicher und teilweise durchaus gegensätzlicher Ansätze zur Reformatio fast zwangsläufig jeweils ihre inhaltliche Zuspitzung erfuhren, soll in dem Projekt einer detaillierten Untersuchung unterzogen werden.

 

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Letzte Änderung am 5. November 2008