"Helden und Heilige. Aporien und Paradoxien kultureller Integrationsfiguren in der Adelsliteratur von 1150-1300"

Betreuer: Prof. Dr. Jan-Dirk Müller (München) / Prof. Dr. Peter Strohschneider (München)
Bearbeiter: PD Dr. Uta Goerlitz [seit Nov 2007] / Dr. Andreas Hammer [bis Aug 2007] / cand. phil. Stephanie Seidl, M. A.


Kulturelle Integrationsleistungen und Desintegrationsprozesse, wie sie im Mittelpunkt des Schwerpunkt-programms 1173 stehen, können nicht allein anhand der Beziehungen verschiedener europäischer Kulturen des Mittelalters zueinander, sondern auch im Hinblick auf interne Homogenisierungsmechanismen beschrieben werden. An einen solchen Kernaspekt der Leitfrage des SPP anknüpfend, untersucht das Projekt Helden und Heilige Integrations- und Desintegrationsprozesse innerhalb der höfischen Kultur des Mittelalters und differenziert damit deren scheinbare Homogenität.

Trotz aller Interferenzen und Austauschprozesse gelingt die Integration von volkssprachig-oraler Adelskultur und lateinisch-schriftlicher Klerikerkultur nicht vollständig. Die wechselseitigen Spannungen dieser beiden mittelalterlichen Kulturen manifestieren sich in besonderer Weise in ihren jeweiligen Leitbildern, in demjenigen des ‚Helden' und in demjenigen des ‚Heiligen'. Dies zeigt sich nicht zuletzt in Konkurrenzen, Kontaminationen und Kompatibilisierungstendenzen dieser Idealfiguren in der hoch- und spätmittelalterlichen Erzählliteratur, deren Leistung es ist, Imaginationen als Teil der historischen Wirklichkeit narrativ, nicht diskursiv zu verhandeln. Das Projekt ergänzt durch seinen Untersuchungsskopus realhistorische Forschungen zu sozialen, ethischen, religiösen, politischen und rechtlichen Konflikten bzw. Lösungsstrategien, indem es literarisch vermittelte Wissensordnungen und kulturelle Semantiken fokussiert.

Die methodischen Zugriffe des Projekts stützen sich dabei auf eine Rekonstruktion der literatur-, kultur- und religionsgeschichtlichen Diskussion um die Konzepte des ‚Helden' und des ‚Heiligen' (u.a. J. Lotman, M. Weber, M. Scheler, W. Lipp), die für die Texterschließung geschärft und analytisch produktiv gemacht werden. Schwerpunkte bei der Textanalyse in der ersten Bewilligungsphase (2005 bis 2007) lagen hierbei einerseits im Bereich der Heldenepik, insbesondere auf Texten mit einem sog. ‚moniage'-Schluss, andererseits im Bereich von Legenden, unter besonderer Berücksichtigung von Adelsheiligen. Diese unterschiedlichen Textsorten und Erzähltraditionen setzen je eigene narrative Strategien ein, um Handlungsmaximen wie Erzählmodelle divergenter Kulturmuster innerhalb des Entwurfes einer einzigen Idealfigur zu integrieren.

Die Projektarbeiten des 3. und 4. Jahres (2007 bis 2009) knüpfen direkt an die Ergebnisse der ersten Projektphase an. Die bereits geleisteten methodisch-systematischen Vorarbeiten werden dabei weiter ausdifferenziert und, nach Heldenepik und Heiligenlegende, auf eine weitere Textsorte übertragen, die der mittelalterlichen volkssprachigen Chronistik. Analog zu den in der ersten Projektphase bearbeiteten Texten findet sich auch in den volkssprachigen (Reim-) Chroniken des 12. und 13. Jahrhunderts eine Überblendung unterschiedlicher kultureller Leitbilder, indem die Idealvorstellungen des Herrschers mit solchen des Heiligen verknüpft werden. Für die Frage nach dem jeweilige Modus der Überblendung und deren je spezifischer Funktionalisierung ist dabei insbesondere auch die Fokussierung größerer Überlieferungszusammenhänge und Rezeptionskontexte aufschlussreich.

In die zweite Bewilligungsphase fiel zudem die Vorbereitung und Durchführung des Arbeitsgesprächs ‚Heilige Ritter - heroische Heilige' in München (27. bis 29. März 2008). Diese Tagung und der daraus entstehende Tagungsband dienten einer nochmaligen Profilierung der Problemstellung des Projektes vor einem dezidiert transdisziplinären Hintergrund und eröffnen damit neue Zugangsmöglichkeiten für die historische, theologische, literaturwissenschaftliche, kunstgeschichtliche und soziologische Problematisierung einer Engführung der Leitbilder des ‚Helden' und ‚Heiligen'. Darüber hinaus sind Teilergebnisse der laufenden Projektphase auf der ‚5th Medieval Chronicle Conference' in Belfast/UK (21. bis 25. Juli 2008) vorgestellt worden. Die Tagungssektion und die daraus hervorgehende Publikation gilt dem Thema ‚Sovereigns and Saints. Narrative Modes of Constructing Rulership and Sainthood in Latin and German (Rhyme) Chronicles of the High and the Late Middle Ages'. Zwei weitere Tagungssektionen wurden für den 16th International Medieval Congress in Leeds im Juli 2009 vom Projekt organisiert ('Encounters of Christians and Heathens in German, Old Norse and Latin Literature and Historiography of the European Middle Ages'). Sie fokussierten unter Beteiligung mehrerer SPP-Mitglieder aus verschiedenen Disziplinen narrative Texte aus der Zeit vom Frühmittelalter bis um 1500.

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Letzte Änderung am 09. Oktober 2010