"Politische Versammlungen im Ordnungsgefüge spätmittelalterlicher europäischer Reiche (Hl. Röm. Reich, Polen und Ungarn)"

 

Betreuer: Prof. Dr. Bernd Schneidmüller (Heidelberg)
Bearbeiterin: Julia Dücker

Die Geschichte und Entwicklung verschiedener europäischer Reiche wurde im 15. Jahrhundert von Ausformung allgemeiner politischer Versammlungen geprägt. Bestehende Ordnungsgefüge wurden durch die Durchsetzung zentraler Foren, die auf unterschiedliche Weise politische Teilhabe forderten, mit gewandelten Herrschaftsauffassungen konfrontiert. Einzelne Akteursgruppen beanspruchten zunehmend Beteiligung an übergreifenden Entscheidungsprozessen und Übernahme von Verantwortung für das gesamte Reich; entsprechend basierte dessen Ordnungsgefüge auf dem gemeinsamen Handeln von Herrscher und Großen, Abstimmung und Aushandlung prägten die politische Praxis. Vor diesem Hintergrund gewannen Versammlungen als zentrales Forum einer Gemeinschaft an Bedeutung und Form. Dieser Prozess gestaltete sich aufgrund verschiedenartiger gesellschaftlicher und politischer Grundkon­stellationen in einzelnen Ländern des spätmittelalterlichen Europa jedoch unterschiedlich. Dies wirft Fragen nach gemeinsamen politischen Grund­mechanismen und Rechtstraditionen, vor allem aber nach dem Versammlungs­wesen als Gemeinsamkeit oder gar Signum des mittelalterlichen Europa auf. Ihnen soll in einer vergleichenden Untersuchung der Reichstage im Heiligen Römischen Reich und dem Königreich Ungarn sowie des Sejms im Königreich Polen nachgegangen werden soll. Unter Berücksichtigung regionaler (z.B. Gegenüberstellung "altes" und "neues" Europa) und struktureller Kategorien (z.B. Unterscheidung zwischen Wahl- und Erbmonarchie) soll geprüft werden, ob es in dieser europäischen Region politische Grundkonstellationen gab, welche die Entwicklung mittelalterlicher Ver­sammlungen gleichermaßen beeinflussten und prägten.

Begründet erscheint die Gegenüberstellung des deutschen und des ungarischen Reichstags sowie des Sejms vor allem angesichts der erstaunlichen zeitlichen Parallelität der Entwicklung dieser Versammlungen sowie der geographischen Nähe der Länder, ihres gemeinsamen außenpolitischen Erfahrungskontextes, und schließlich der engen direkten Kontakte und vielfältigen persönlichen und politischen Verflechtungen zwischen den jeweiligen Reichen

Zunächst sollen daher die Heraus­bildung der jeweiligen Versammlung und der damit verbundene Wandel des politischen Ordnungsgefüges im betreffenden Königreich untersucht werden. Zugunsten einer möglichst umfassenden Rekonstruktion der Gestalt und Bedeutung der jeweiligen Versammlung werden klassische verfassungsgeschichtliche Untersuchungs­ansätze mit sozial- und kulturgeschichtlichen Fragestellungen kombiniert. So wird über die rechtlichen Grundlagen und institutionelle Rahmenbedingungen hinaus etwa nach Tagungsmechanismen, nach politischen Kernbegriffen (insbesondere nach dem "Repräsentationsverständnis") und möglichen Konstellationen und Verhaltensweisen verschiedener Akteure (d.h. nach möglichen Formen von Konfliktaustrag, Argumentationsweisen und dem Verständnis bzw. der Wahrnehmung von Herrschaft und Willensbildung) gefragt. Dazu sollen Dokumente aus dem unmittelbaren Umfeld von Versammlungen (etwa Gesetzestexte, Verordnungen, Tagungs­proto­kolle) wie gleichermaßen Quellen von Versammlungsteilnehmern und historiographische oder politiktheoretische Schriften heranzuziehen. Mit einer Gegenüberstellung der erarbeiteten Einzelbefunde schließlich sollen länderspezifische Strukturen verdeutlicht und auf mögliche Entwicklungsparallelen oder Prozesse gegenseitiger Beeinflussung hin untersucht werden.

 

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Letzte Änderung am 30. September 2008