"Konstruktion und Erfahrung von Heidentum im Spätmittelalter"

 

Betreuer: Prof. Dr. Bernd Schneidmüller (Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg)
Bearbeiter: Dr. Dagmar Schlüter (Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg)

Mein Projekt untersucht in einer Synthese verschiedener Forschungsdiskurse die vielfältigen Bedeutungsschichten und Anwendungen des Begrifflichkeiten "Heidentum" und "Heide" im Spätmittelalter. Zwar scheint das frühe Mittelalter die Religionen der Welt recht eindeutig in Heidentum, Christentum und Judentum einzuteilen, die umfassende Erforschung der vielschichtigen Bedeutungen des Heidentums im Spätmittelalter bzw. all jener Phänomen, die als heidnisch verstanden werden, ist aber noch ein Desideratum, wiewohl aber natürlich gerade die Untersuchung der infideles eben auch Rückschlüsse auf die christianitas ermöglicht.

Heide wird hier im Sinne Kosellecks als asymmetrischer Gegenbegriff zu Christ verstanden, als ein Begriff also, der zwar unterschiedlich belegt sein kann, der aber nie vollkommen positiv verstanden wird und der seinen Sinngehalt aus der Selbstdefinition einer überlegenen Gruppe zieht.

Meine Forschung konzentriert sich dabei auf verschiedene Schwerpunkte, die eng miteinander verzahnt sind. Es soll zum einen untersucht werden, auf welche Weise theoretische Diskurse das Heidentum in den Blick nehmen. Wer galt denn nun eigentlich im Spätmittelalter als Heide? Was macht einen Heiden aus? Welche Begrifflichkeiten werden, insbesondere im Lateinischen, zur Beschreibung von Heiden verwendet? Es soll außerdem untersucht werden, wie unterschiedliche historiographische Quellen mit der Problematik umgehen, dass die dort berichtete, eigene Vergangenheit vor der Christianisierung auch als heidnisch anzusehen ist. Welche Strategien zur Integration dieses Teils der Vergangenheit gibt es und wie werden sie angewandt?

Besonders deutlich wird Heidentum an den Rändern Europas und darüber hinaus erfahren. Wie sahen also die realen Erfahrungen mit Heiden aus? Und wie sind diese mit den Diskussionen der theoretischen Abhandlungen in Verbindung zu bringen? Besonders überraschend mag in diesem Zusammenhang aber die Darstellung schon seit langem christianisierter, am Rande Europas gelegener Gebiete, wie Wales, Irland und Schottland, als heidnisch anmuten. Auch hier soll detailliert diskutiert werden, wie diese Prozesse der Desintegration funktionieren. Ähneln sie denen, die an anderen Randgebieten der christianitas ablaufen?