"Benedikt XIII. und seine Bibliothek der Häresien. Religionspolemik als Legitimationsstrategie eines Avignoneser (Gegen)Papstes"

 

Betreuer: Prof. Dr. Rainer Berndt SJ und PD Dr. Matthias M. Tischler
Bearbeiterin: Dr. Britta Müller-Schauenburg

Benedikt XIII. (1394-1423), geboren als Pedro de Luna aus einem aragoneser Adelsgeschlecht, bemühte sich nicht nur Zeit seines Lebens als ausgezeichneter Kanonist um eine Lösung des Großen Abendländischen Schismas, sondern besaß als Kind der iberischen Halbinsel auch ein besonderes Interesse an der christlich-muslimischen und der christlich-jüdischen Religionsdifferenz. Neben der durch ihn maßgeblich mitgetragenen jüdisch-christlichen Disputation von Tortosa 1313-1314, einer singulären, von seinem jüdischstämmigen Leibarzt Joshua ha-Lorki (der sich nach seiner Konversion zum Christentum Gerónima de Santa Fé nannte) initiierten und geleiteten Religionsdisputation, manifestiert sich dieses Interesse in seinem Buchbesitz. Bereits als Kardinal besaß er ein Exemplar der lateinische Koranübersetzung des Markus von Toledo, das dem heute in der Bibliothek Mazarine befindlichen, um 1400 von Jean Doguet, einem Priester der Diözese Saint-Malo, angefertigten Exemplar wohl als Vorlage gedient hat, zusammengebunden mit einer systematischen Diskussion muslimischer Artikel. Die erste Übersetzung des Dialogus contra Judeos des Petrus Alphonsi ins Katalanische und die Abschrift des Pugio fidei des Raymond Martí sind nur zwei weitere Beispiele seiner recht umfangreichen Aktivität im Feld des biblioformen Religionsinteresses.

Unser Forschungsprojekt befasst sich mit diesem vornehmlich unter die "Häresien" einsortierten Buchbestand innerhalb seiner großen Bibliothek als einer kleinen (anti)häretischen Spezialbibliothek mit lokalindizierter Prägung. Ausgehend von ihrem "Ort" innerhalb der Bibliothek wird die Frage nach dem materialen und hermeneutischen "Ort" der Religionsdifferenz im päpstlichen Buchkosmos gestellt. Das Projekt fokussiert also nicht segmentierend die (anti)häretische Literatur, sondern wählt diese zum Startpunkt, auf der Grundlage der dem SPP eigenen Unterstellung, dass sich ausgehend von demjenigen "Ort", den die Grenze zum Anderen im intellektuellen Kosmos einnimmt, das gesamte intellektuelle Profil einer Person in besonderer Weise verstehen und beschreiben lässt. So richtet sich das Projekt letztlich auf die ganze Person des an die Peripherie geratenden Kirchenoberhauptes: Im Spiegel der Bibliothek soll, ausgehend von diesem Segment (anti)häretischer Literatur, soweit eben möglich, das intellektuelle Profil dieses Papstes erhoben und sichtbar gemacht werden. Nun ist allerdings der Buchbestand in situ verloren und verstreut. Einzelne Handschriften sind in den Sammlungen etwa in Paris, Madrid und Rom, aber auch kleinerer spanischer und französischer Städte aufgetaucht. Aber die Ordnung der Bibliothek zur Zeit Benedikts XIII. ist durch eine ganze Reihe erhaltener mittelalterlicher Kataloge und Inventare zugänglich.

Die wichtigsten Quellen des Projektes sind im Einzelnen: der Katalog der Kardinalsbibliothek Pedro de Lunas, vor 1394 (ed. Ehrle 1890), der Katalog der Bibliothek des Avignoneser Papstes 1394-1403 (ed. Ehrle 1890 - fälschlich als von Gregor XI), ein Inventar der päpstlichen Bibliothek von 1407 (ed. Romeo 1929), zwei Inventare der mobilen Bibliothek aus den Jahren der Flucht Benedikts aus Avignon 1403 bis zum ersten längeren Aufenthalt in Peniscola 1403-1411, nämlich ein kürzeres Inventar für die Jahre 1403-1405 und ein umfangreicheres Inventar für die Jahre 1403-1409, und Verzeichnisse, wie diese Bücher in Kisten gruppiert wurden (ed. Anneliese Maier 1965), ein Leihregister von 1409/10, der Katalog der Libraria major der Bibliothek in Peniscola 1412-1415 (ed. Faucon 1887), ein Inventar von nach 1415, das eine Umgruppierung der Bücher aus der mobilen Bibliothek und der Libraria major bezeugt, und ein Inventar nach dem Tode Benedikts 1423. Ein guter Teil dieser Verzeichnisse ist jüngst (1991) erstmals oder neu kritisch in einer zwei bändigen Ausgabe ediert worden von Marie-Henriette Jullien de Pommerol und Jacques Monfrin.

Im Zentrum der Untersuchung steht insbesondere die Frage nach dem Verhältnis zwischen einerseits dem allgemeinen Legitimationsanliegen und dem päpstlichen Amtsverständnis Benedikts XIII. und andererseits seinen konkreten antihäretischen Aktivitäten und Interessen. Was lässt sich sagen über die konkrete Verwendung, Kontextualisierung und Klassifikation dieses Buchbestandes? Welcher Zusammenhang besteht zwischen hermeneutisch signifikanten Bewegungen innerhalb der Bibliotheksordnung, Veränderungen der kirchenpolitischen Situation, und Entwicklungen der persönlichen kanonistischen und theologischen Position dieses Papstes?

Die Beantwortung dieser Fragen erfordert die teilweise Neufassung bibliothekshistorischer Schlüsselbegriffe, insofern diese durch ihre wissenschaftsgeschichtliche Prägung innerhalb der klassischen Moderne der "persönlichen" Dimension einer päpstlichen Prägung noch nicht im erforderlichem Maße differenzierende Kategorien bereithalten. Desweiteren erfordert sie eine überaus wachsame Konturierung der theoretischen Annahmen zur "Lesbarkeit" einer Bibliotheksstruktur. Und drittens erfordert sie eine ebensolche hohe Wachsamkeit in bezug auf die soziologischen, philosophischen und theologischen Grundlagen der Konzeptualisierung eines "intellektuellen Profils", insofern das zu profilierende Individuum zugleich Spitze und Zentrum einer Amtshierarchie innerhalb eines komplexen Machtgeflechtes ist. Vor allem bedarf der Begriff des religiösen Individuums in all seinen analytischen Elementen einer grundsätzlichen Öffnung zum religiösen und kulturellen Amtsbegriff. Das zu leisten, ist Teil des Projektes.

Die Erprobung dieser theologiegeschichtlichen Methodenstellung an einem geographisch, institutionell und ideengeschichtlich relativ peripher gelegenen "Fall" spätmittelalterlicher europäischer Bildungsgeschichte, wie ihn Benedikt XIII. darstellt, ermöglicht bzw. erzwingt neue Zugriffsweisen auf vermeintlich vertraute Begriffe und theologische Topographien, und verspricht so einen möglicherweise generalisierbaren Wissensgewinn im Bereich der materiellen und institutionalisierten Stationierung und Sedimentierung der Religionsfrage im vormodernen Katholizismus.

 

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Letzte Änderung am 09. November 2010