Konferenz des DFG-Schwerpunktprogramms 1173
Integration und Desintegration der Kulturen im europäischen Mittelalter

25.-27. September 2006
Museumszentrum Lorsch


Die Tagung des DFG-Schwerpunktprogramms "Integration und Desintegration der Kulturen im europäischen Mittelalter" (SPP 1173) trug keinen eigenen Titel, sondern gliederte sich in drei Thementage der während der ersten Plenartagung des Projekts im Juli 2005 gebildeten Arbeitsforen. Ein wichtiger Auftrag des Gesamtprojekts ist das Experiment transdisziplinären Arbeitens, worunter die konkrete, zeitlich begrenzte Zusammenarbeit der einzelnen Fachvertreter/-innen verstanden wird, verbunden mit einer die fachlichen und disziplinären Orientierungen überschreitenden und sie selbst verändernden Kooperation. Die 21 Einzelprojekte aus 10 Disziplinen (Arabistik, Byzantinistik, Germanistik, Islamwissenschaft, Judaistik, Katholische Theologie, Kunstgeschichte, Mittelalterliche Geschichte, Osteuropäische Geschichte sowie Religionswissenschaft) wurden deshalb nach methodischen Aspekten in drei Arbeitsforen unterteilt, die sich ihre jeweils eigene Form der transdisziplinären Zusammenarbeit selbst entwickeln sollten. Erste Resultate und Werkstattberichte zeigte nun die Lorscher Tagung, abschließende Ergebnisse der Forenprojekte werden in einem gemeinsamen Band veröffentlicht, der im Laufe des Jahres 2007 erscheinen soll. Jedes Einzelprojekt hatte zudem die Gelegenheit, einen Zwischenstand der eigenen Forschungsergebnisse neben der Gruppenarbeit zu präsentieren.

Das Thema "Kontakt und Austausch zwischen kulturellen Subsystemen" des Arbeitsforums B bildete den inhaltlichen Auftakt der Tagung. Dittmar Schorkowitz (Greifswald) trug das theoretisch-methodische Konzept vor, in dessen Zentrum der Versuch steht, Akkulturationsprozesse oder deren Ausbleiben in den quellenmäßig erfassbaren Kulturbereichen (Subsystemen) differenziert zu untersuchen und damit etwas über die integrative Wirkung verschiedener Subsysteme respektive die Dysfunktionalität ihres Austauschs in Zeit und Raum zu erfahren. Die Kultur mit ihren diversen Bereichen ist hierbei nicht Ziel, sondern Mittel der Untersuchung. Kulturelle Räume werden nicht in erster Linie geographisch, sondern kultursoziologisch verstanden: Räume sind daher vom Menschen geformte Einheiten, die nicht mit politischen oder gar ethnischen Einheiten gleichzusetzen sind.
Die Einzelvorträge versuchten für die jeweiligen Regionen zu bestimmen, welches Subsystem hierbei die größere Dichte transkulturellen Austauschs aufwies und welcher menschlichen Handlung die maßgebliche Integrationsleistung zugeordnet werden kann. Nach einem Gastvortrag von Dorothea Weltecke (Göttingen) über Überlegungen zu Kulturkontakt und transkulturellen Phänomenen im 12. und 13. Jahrhundert gingen Rainer Barzen und Lennart Güntzel (beide Trier) auf die Funktionalität von Subsystemen am Beispiel der Vertreibungen der Juden aus England und Frankreich ein. Frederek Musall (Heidelberg) thematisierte Fragen des Wissenstransfers und der Wissenskultur im Mittelalter anhand von Übersetzungsprojekten wissenschaftlicher Texte aus dem Arabischen ins Hebräische und Lateinische, Johannes Pahlitzsch (Mainz) beschrieb die politisch-rechtliche Stellung der georgischen Gemeinde in Jerusalem im 13. und 14. Jahrhundert unter der Herrschaft der Mamluken. Victoria Bulgakova (Berlin) zeigte die Beziehungen in Herrschaft, Religion und Kunst in der Stadt Soldaia am Beispiel zugewanderter Türken und einheimischer Griechen im 13. Jahrhundert auf, Dittmar Schorkowitz beschäftigte sich anhand von Freund- und Feindvorstellungen in der altrussischen Chronik mit der Bandbreite von Kontakt und Austausch zwischen der Kiever Rus' und den turksprachigen Pecenegen.

Arbeitsforum C widmete sich der Methode des transkulturellen Vergleichs anhand einer "Phänomenologie der Gewalt". Obwohl das Thema sich in einem bereits dicht besetzten Forschungsfeld bewegt, könnte der spezifische Beitrag des Arbeitsforums in seiner interkulturellen und fächerübergreifenden Kompetenz liegen, so der Eröffnungsredner Jan Rüdiger (Berlin). In den jeweiligen Quellenkorpora der Einzelprojekte wird jeder Bearbeiter zu unterschiedlichen Aspekten mittelalterlicher Gewalt fündig, sammelt sie und gibt sie an den jeweiligen Redakteur weiter. Sieben dieser Aspekte wurden als Einzelkapitel der späteren Publikation ausgewählt, die kollektiv erarbeitet werden sollen. Dadurch soll eine Reihe von räumlich, zeitlich und formal äußerst disparaten Quellen in einer Weise dargestellt werden, dass diese für die weitere Forschung wertvoll werden, weil sie dem ersten Zugriff durch die späteren Nutzer erschlossen sind. Von einer Quellenanthologie unterscheidet sich die Forenarbeit auch durch die Herstellung einer Kontextualisierung der jeweiligen Fälle.
Henrik Wels (Würzburg) konzentrierte sich im Teilaspekt "Mittelalterliche Theorie und Norm der Gewalt" ganz auf Aristoteles und dessen Rezeption im Westen, Andreas Schorr und Christa Jochum-Godglück (beide Saarbrücken) stellten den Aspekt "Gewalt und Sprache" vor. Stamiatos Gerogiorgakis (Bonn) sprach über "Gewalt und Diskurs", Wiebke Deimann und Kay Peter Jankrift (beide Erlangen) referierten über "Gewalt und Sexualität". Sevket Küçükhüseyin (Bonn) stellte den Teilbereich "Held und Gewalt" vor, Thomas Foerster (Heidelberg) legte "Konjunkturen der Gewalt" dar, Daniel König (Bonn) kam auf "Integrierende und desintegrierende Wirkung von Gewalt" zu sprechen. Heiko Hiltmann (Bamberg) präsentierte einige Fallbeispiele zu diesen Aspekten.

Am dritten Thementag stellte das Arbeitsforum A seinen Ansatz zum Thema "Wahrnehmung von Differenz" vor. Juliane Schiel (Berlin) legte in der Einleitung dar, dass es dabei um die bereits im Mittelalter erkannten Unterschiede in der Wahrnehmung und ihre Determinanten gehen solle. Nach einer Auseinandersetzung über die mittelalterliche Theoriebildung und der Unterscheidung in aristotelischen und augustinischen Erkenntnisweg ging Arbeitsforum A der Frage nach, wie die Wahrnehmung von Differenz überhaupt entstehe. Aufgrund der engen Verzahnung mit dieser Fragestellung wurde auch die Darstellung von Differenz behandelt. Konkret hatten sich drei Untergruppen gebildet, die jeweils einen Aspekt bearbeiteten:
Juliane Schiel (Berlin), Margit Mersch (Erlangen) und Ulrike Ritzerfeld (Münster) demonstrierten unter dem Titel "Mendikanten im inner- und interkulturellen Kontakt" verschiedene Wahrnehmungsweisen und Vermittlungsstrategien in den beiden großen Bettelorden. Matthias Tischler (Frankfurt), Annette Seitz und Thomas Haas (beide Heidelberg) thematisierten unter der Überschrift "Strategien der Selbst- und Fremddeutung in wechselnden Kontexten" Wahrnehmungs-, Deutungs- und Darstellungsweisen in ausgewählten historischen und theologischen Texten unter besonderer Berücksichtigung ihres jeweiligen Entstehungshintergrundes. Die Untersuchung konzentrierte sich exemplarisch auf Strategien zur Deutung von Fremdheit, wobei allen Fällen die Auseinandersetzung von Christen und Muslimen im Hochmittelalter zugrunde lag. Julia Zimmermann (Dresden), Stephanie Seidl und Andreas Hammer (beide München) befassten sich mit der "Differenz im Eigenen: Kontrastive und selektive Wahrnehmung in hagiographischen und höfischen Texten des Mittelalters". Hier wurde diskutiert, inwieweit philosophische und theologische Lehren der lateinischen Wahrnehmungs- und Erkenntnistheorien in der volkssprachlichen Dichtung nachwirkten. Den Abschluss bildete ein Gastvortrag von Marina Münkler (Berlin) mit dem Titel "An den Grenzen des genus humanum. Die monströsen Völker und ihre Lesarten im Mittelalter".

Thomas Haas
thomas.haas@urz.uni-heidelberg.de

Letzte Änderung am 13. Februar 2007